laternenjoe

Groß war die Vorfreude auf die Geheimtour der Ärzte unter dem Namen Laternen-Joe und groß natürlich auch die Wiedersehensfreude, schließlich lag das grandiose Fanclub-Konzert der Besten Band der Welt schon fast zwei Jahre zurück. Da nahm man auch zwei Stunden abgestürzte Server beim Kartenkauf und weitere zwei Stunden Autofahrt nach Pahlen in Nordfriesland in Kauf. Das Konzert selber wollte dann jedoch nicht die Stimmung aufkommen lassen, die man bei den Konzerten der Ärzte gewohnt war.

Erstaunlicherweise war die heruntergekommene Halle in der nordfriesischen Pampa größer als erwartet, aber man glaubte Farin schon, als er sich über den Gestank im Backstagebereich beschwerte. Nach dem Schock, dass der Personalausweis meiner Freundin abgelaufen war und der Freude, dass es trotzdem keine Probleme beim Einlass gab, begann das Warten auf die Band. Laut Shirtstand, wo wir uns schnell mit einem Laternen-Joe-Shirt versorgten, schien auch noch eine Vorband die Wartezeit zu verlängern. Mit 20 Minuten Verspätung fiel dann endlich der Vorhang, tatsächlich für die Vorband Satan, die aber nach zwei Minuten ihre Instrumente an die drei Jungs aus Berlin abgaben, vermutlich der kürzeste Auftritt einer Vorband aller Zeiten.

Dann ging es mit neuen Laternen-Joe-Songs und „Junge“ sofort in die Vollen, was das Publikum offensichtlich so überforderte, dass der bei „Junge“ geplante „Wall of Death“-Freeze-Mob mal eben überhaupt nicht stattfand. Nach dem Hit begann eine Setlist voller Songs, die zum Großteil nur langjährigen Fans bekannt sein dürfte, Laternen-Joe schien sich bewusst von den Ärzten absetzen und ganz tief in die Altsongkiste greifen zu wollen, doch die Mischung aus Liedern wie „Vollmilch“, „Punkbabies“, „A-Moll“, „Ausserirdische“, „Dein Vampyr“, „Am Ende meines Körpers“ oder „No Future“ sorgte zwar immer wieder für einen „Hey, den Song gab’s ja auch noch!“-Effekt bei eingefleischten Fans, wirkliche Stimmung wollte dabei aber nicht aufkommen. Zudem schaute ich immer wieder in das enttäuschte Gesicht meiner Freundin, die bei ihrem ersten Konzert der Besten Band der Welt so überhaupt gar nicht mitsingen konnte. Immerhin verirrte sich hier und da „Rebell“ oder „Unrockbar“ in die Setlist.

So ging die Band nach 90 Minuten das erste Mal von der Bühne und ich fühlte mich in keiner Form ausgepowert, verschwitzt und auch nicht wirklich gerockt, dabei hatte man bei den wenigen Hits gesehen, wie sehr man das Publikum doch in Wallung bringen konnte. Allerdings wirkte es ein wenig so, als wenn die Band anhand der zahlreichen Kritik von früheren Laternen-Joe-Konzertbesuchern an den anderen Setlists etwas genervt waren und daher auch trotz gewohntem Sprücheklopfen nicht so begeistert wie sonst wirkte. Songwünsche und Aufforderungen zur Sitzlaola wurden abgewiesen mit dem Hinweis, da müsse man schon zu Konzerten von Die Ärzte gehen und nicht zu Laternen-Joe. So eine Distanz zum Publikum habe ich ebenfalls bei Ärzte-Konzerten noch nicht erlebt.

Die Zugaben hatten dann immerhin ein paar mehr Hits wie „Deine Schuld“ oder „Schrei nach Liebe“, aber das konnte dann auch nicht mehr so viel ändern. Schade, es war zwar toll, Die Ärzte endlich wieder live zu erleben, aber als Fazit kann man wirklich nur hoffen, dass die Band bei der nächsten Tour unter richtigem Namen wieder das gewohnte Programm mit hoffentlich neuen Songs von einer hoffentlich bald erscheinenden neuen CD im Gepäck haben wird. Das Konzert war unterm Strich nicht schlecht, aber verglichen mit den zahlreichen Ärzte-Konzerten, bei denen ich schon gewesen bin, leider der enttäuschendste Auftritt der Band.

Natürlich toben sich die Hardcore-Fans im Gästebuch der Band wieder aus, wie großartig doch diese ganzen „seltenen“ Songs waren und dass doch alle Nicht-Hardcore-Fans gefälligst hätten zu Hause bleiben sollen, aber das finde ich sowohl von Fans als auch von der Band etwas unfair denen gegenüber, die gerade erst neue Fans werden wollen oder eben nur nicht die komplette Masse an Ärzte-Songs auf dem Zettel haben. Und ich, als jemand, der tatsächlich alle Songs kannte, war trotzdem enttäuscht und hätte mir lieber eine Setlist voller Kracher und Hits gewünscht. Sorry, Jungs, ich glaube natürlich weiterhin an euch, aber für die Setlist von Laternen-Joe würde ich nicht noch mal so weit fahren.

// Ergänzung 01.05.11: Ok, anhand der ganzen Kritik möchte ich mich dann doch noch einmal äußern. Ich war schon auf sehr vielen Ärzte-Konzerten, allerdings noch nie auf einem Geheimkonzert unter falschem Namen, daher war ich dann auch nicht auf die „spezielle“ Setlist vorbereitet. Vielleicht ist es daher auch unfair, dass ich Songs, die möglicherweise der Band gefallen und die diese Chance nutzen, um sie zu spielen, weil sie erwartungsgemäß ja das richtige Publikum haben müssten, derart kritisiere, vielleicht war es im vorderen Drittel ja tatsächlich so, dass dort eine Bombenstimmung herrschte, von der war in der Mitte der Halle jedoch nur bei den Hits ein wenig zu spüren.

ABER … was ich wirklich nicht gerade fair finde, ist die Art und Weise, mit der meine persönliche Meinung und vor allem meine Freundin hier angegriffen werden. Bei manchen Fans scheint Kritik wohl nicht nur nicht erwünscht, sondern auch nicht erlaubt zu sein. Was mich dabei übrigens am meisten schockiert, ist, dass ich eben sehen musste, dass mein Eintrag im Gästebuch von Laternen-Joe gelöscht wurde. Bei einer Band, die immer für Individualismus und freie Meinung stand, finde ich das wirklich erschreckend, ihr nicht? Es tut mir leid, dass ich offensichtlich meiner Lieblingsband und meinen Mit-Fans (Ich zähle mich nämlich weiterhin dazu) derart auf den Schlips getreten bin, aber die Art der Reaktion bringt mich gerade mehr aus dem Konzept als das Konzert, das vermutlich wirklich aufgrund falscher Herangehensweise nicht meine Erwartungen entsprochen hat!